„Deutsch­land altert. Prima!“

Professor Thomas Straub­haar sagt: Demo­grafie und Digi­ta­li­sie­rung sind ein Traum­paar. Ihr erstes Kind sollte das bedin­gungs­lose Grund­ein­kommen sein.

Herr Straub­haar, die deut­sche Bevöl­ke­rung wird schrumpfen und altern. Mal ehrlich: Wie schlimm wird es werden?

Ganz so sicher, wie Sie das jetzt hinstellen, ist das gar nicht. Erstmal ist es entschei­dend, zu klären, was gemeint ist. Reden wir bei „deut­scher Bevöl­ke­rung“ von der auto­chthonen, deutsch­stäm­migen Bevöl­ke­rung? Dann ist die Wahr­schein­lich­keit, dass die Anzahl schrumpft, in der Tat sehr hoch. Wenn wir die gesamte Wohn­be­völ­ke­rung Deutsch­lands meinen, die auch Zuge­wan­derte mitein­schließt, ist es jedoch keines­wegs so klar, dass die Bevöl­ke­rung schrumpfen wird. Das sehen wir etwa an der starken Immi­gra­tion der letzten fünf Jahre, die die Prognosen zur Einwoh­ner­zahl über den Haufen warf.

Es leben heute mehr Menschen in Deutsch­land als je zuvor. Was das Altern angeht, so dürften die Prognosen für eine alternde Gesell­schaft deut­lich sicherer sein. Der Faktor Alte­rung ist stabiler als der Faktor Anzahl.

Also altern ja, schrumpfen viel­leicht, viel­leicht auch nicht.

Genau. Die große Unbe­kannte für eine lang­fris­tige Prognose ist die Entwick­lung der Zuwan­de­rung. Niemand weiß, wie viele Menschen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren einwan­dern oder auswan­dern werden.

Auf die Entwick­lung der Alters­struktur der Gesamt­be­völ­ke­rung hat die Zuwan­de­rung jedoch einen viel klei­neren Einfluss, als allge­mein ange­nommen wird. Selbst eine hohe jähr­liche Zuwan­de­rung von 200.000 meist jungen Menschen pro Jahr ist prozen­tual zu gering, um die Alters­struktur von 82 Millionen Einwoh­nern nach­haltig zu ändern. Übri­gens: Auch Einwan­de­rinnen und Einwander altern – so dass der Verjün­gungs­ef­fekt mit der Zeit verpufft.

Wenn Deutsch­land also über­al­tert …

Vorsicht mit solchen Voka­beln, wie Über­al­te­rung, Über­frem­dung, Über­be­völ­ke­rung! Das sind alles irre­lei­tende Reiz­worte mit Instru­men­ta­li­sie­rungs­cha­rakter. „Über“ bedeutet ja, dass man das Bild eines Normal­zu­stands im Kopf hat. Es gibt aber keine gesell­schaft­li­chen Normal­zu­stände. Es gibt nur Zustände.

Wenn irgend­etwas normal ist, dann ist das in unserem Zeit­alter eine zuneh­mende Hete­ro­ge­nität, Diver­sität, Indi­vi­dua­lität. Sozio­öko­no­misch gesehen, finden Sie in unserer gegen­wär­tigen Gesell­schaft so viele unter­schied­liche Lebens­ent­würfe gleich­zeitig, dass man von einem Stan­dard oder Normal­zu­stand kaum noch spre­chen kann.

Wenn in Deutsch­land also immer mehr Alte leben …

Vorsicht auch hier! Was ist denn ein alter Mensch? Auch hier haben wir gleich ein Bild im Kopf, das über die reine Anzahl an Lebens­jahren hinaus­geht. Meine Groß­mutter war mit 60 Jahren eine echte Greisin, meine Mutter war mit 60 zwar noch mobil und aufge­weckt, aber dennoch eine ältere Frau. Heute bin ich selbst über 60 und fühle mich weder körper­lich noch geistig alt.

Die Menschen leben heut­zu­tage viel gesünder als jemals zuvor. In der gesell­schaft­li­chen Diskus­sion hängen wir aber noch viel zu sehr an dem Alters­bild der 1960er Jahre, das in die Irre leitet. Wir reden dann zum Beispiel vom künf­tigen Pfle­ge­not­stand. Früher mussten Sie 60jährige ein paar Jahre lang pflegen, bevor sie starben, und heute pflegen wir halt 80jährige. Die Menschen werden zwar immer älter, aber die Zeit der Gebrech­lich­keit verlän­gert sich dadurch nicht. Sie wird nur nach hinten verschoben.

Einen gewissen Wellen­ef­fekt wird es durch die vielen Baby­boomer geben – das sind in Deutsch­land die beson­ders starken Gebur­ten­jahr­gänge zwischen 1955 und 1969. Bis die 80 Jahre alt sind, haben wir aber noch rund zwanzig Jahre Zeit, um uns darauf vorzu­be­reiten. Ich sehe das entspannt.

„Hete­ro­ge­nität ist der neue Normal­zu­stand“

Thomas Straub­haar

Gut, wenn also die deut­sche Bevöl­ke­rung insge­samt älter wird, wer soll denn dann arbeiten und den Wohl­stand erwirt­schaften?

Unter anderem Roboter und künst­liche Intel­li­genz. Wir haben in der deut­schen Öffent­lich­keit folgende zwei Panik­dis­kus­sionen gleich­zeitig: „Hilfe, die Digi­ta­li­sie­rung nimmt uns die Arbeits­plätze weg.“ Und: „Hilfe, die Demo­grafie nimmt uns die Arbeits­kräfte weg.“ Bringen Sie jedoch beides zusammen, haben Sie ein perfektes Match und keine Sorgen!

Wir sollten uns jeden Tag freuen, dass wir eine alternde und mögli­cher­weise schrump­fende Bevöl­ke­rung haben. Hätten wir ganz viele junge Menschen, die auf den Arbeits­markt drängen, dann hätten wir künftig wirk­lich ein Problem. Es gäbe nicht genü­gend Jobs für sie. Denn wir haben das große Glück, beson­ders in der Indus­trie immer mehr körper­liche Arbeit durch Roboter erle­digen zu lassen und bald auch immer mehr geis­tige Arbeit durch künst­liche Intel­li­genz. Das betrifft vor allem stan­dar­di­sierte Arbeits­ab­läufe, auf die ohnehin niemand große Lust hat: Fahren, Über­wa­chen, Fließ­band­ar­beit, Kontrol­lieren. Das können wir in Zukunft Maschinen erle­digen lassen. Das ist doch super!

Mit dem Wandel der Demo­grafie ist es wie beim Klima: Je länger wir warten, desto schwie­riger wird es, zu reagieren.

Okay, aber Menschen wird es in der Arbeits­welt und in der Indus­trie ja trotzdem noch brau­chen. Schon heute beklagen viele Unter­nehmen, dass sie nicht genü­gend Fach­kräfte finden. Wird das dann in Zukunft nicht noch schlimmer?      

Es gibt keinen Fach­kräf­te­mangel.

Das sehen die Chefinnen und Chefs der Indus­trie­un­ter­nehmen aber anders!

Natür­lich tun sie das. Weil sie selbst das Problem sind. Es gibt keinen Fach­kräf­te­mangel, sehr wohl aber einen Führungs­mangel in vielen Unter­nehmen. Ich kenne persön­lich genug deut­sche Indus­trie­un­ter­nehmen, die über­haupt kein Problem haben, Fach­kräfte zu finden. Warum? Weil sie attraktiv sind – und zwar nicht nur beim Lohn, sondern auch den Arbeits­be­din­gungen und bei der Wert­schät­zung dessen, was die Mitar­bei­tenden leisten.

Unter­nehmen müssen endlich begreifen, dass der Wind sich dreht: Früher hatten wir einen Arbeit­ge­ber­markt. Die Unter­nehmen diktierten die Spiel­re­geln und die Beschäf­tigten hatten sich entweder zu fügen, oder zu gehen. Heute jedoch müssten Firmen um Arbeit­nehmer werben und sich viel stärker auf deren Wünsche einlassen. Statt­dessen kleben viel zu viele noch in der alten Zeit, an 40-Stunden-Wochen und einem Arbeit­neh­mer­bild aus dem 19. Jahr­hun­dert. Wer die Zeichen der Zeit verstanden hat, bei dem gibt es auch keinen Mangel an Fach­kräften.

„Bringen wir zwei aktu­elle Panik­dis­kus­sionen zusammen, haben wir ein perfektes Match“

Thomas Straub­haar

Und was können Unter­nehmen tun, um jetzt und künftig an gute Arbeits­kräfte zu kommen?

Vieles, da müssen sie gar nicht auf die Politik warten. Bezah­lung ist immer noch der wich­tigste Faktor. Zahlen Sie also höhere Löhne. Das allein reicht aber nicht. Führen Sie flexible Arbeits­zeiten ein. Home­of­fice. Geben Sie als Chefin oder Chef keine Befehle, sondern erar­beiten Sie im Team gemein­same Ziele und vertrauen sie darauf, dass Ihre Leute von selber einen guten Weg finden werden. Bieten Sie Möglich­keiten für Aufstieg und Weiter­bil­dung. Achten Sie auf die Gesund­heit Ihrer Beschäf­tigten, zum Beispiel mit Präven­ti­ons­maß­nahmen gegen Burnout. Ein Betriebs­kin­der­garten könnte eine gute Idee sein.

Über­haupt: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Beschäf­tigten Arbeit und Karriere gut verbinden können mit privaten Verpflich­tungen, zum Beispiel sich um die eigenen Kinder oder um pfle­ge­be­dürf­tige Eltern zu kümmern.

Mit klas­si­schen Anreizen wie einem Dienst­wagen brau­chen sie heute vielen gar nicht mehr kommen. Arbeit­neh­mende haben heute statt­dessen ein riesiges Bedürfnis nach einer guten Work-Life-Balance, Flexi­bi­lität, nach Aner­ken­nung und Sinn­haf­tig­keit. Viele Unter­nehmen haben das erkannt und sind erfolg­reich damit, aber noch längst nicht alle.

Das mag ja für heute eine prima Lösung sein. Dennoch ändert es nichts daran, dass es in Zukunft schlicht und einfach weniger Arbeits­kräfte geben wird.

Das ist ein Irrtum. Wir haben in Deutsch­land ein riesiges Reser­voir an poten­zi­ellen Arbeits­kräften, das wir nicht ausschöpfen. Ich habe das mal berechnet und war selbst verblüfft, was da für gigan­ti­sche Zahlen raus­kommen. Unge­nutzte Poten­ziale entdecke ich bei Frauen, bei Älteren und bei Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, zum Beispiel aktuell auch bei Flücht­lingen. Das sind alles Gruppen, die nicht so stark am Arbeits­markt betei­ligt sind, wie sie es könnten.

Ein viertes viel­leicht über­ra­schendes, aber enorm gewich­tiges Poten­zial sehe ich in der soge­nannten schlum­mernden Produk­ti­vität. Viel Arbeits­kraft geht verloren durch innere Verwei­ge­rung, Unkon­zen­triert­heit, Ablen­kung oder vergam­melte Arbeits­zeit. Hier sind wir wieder bei den vorhin ange­spro­chenen Punkten: Unter­nehmen können sich produk­tiver machen, indem sie ihre Beschäf­tigten stärker fördern und moti­vieren.

Ich komme ehrlich gesagt noch nicht darüber hinweg, dass ich mich freuen soll, dass Maschinen und künst­liche Intel­li­genz bald unsere Jobs über­nehmen. Der Gewinn, den diese Maschinen dann erwirt­schaften, landet dann doch bei den Eigen­tü­me­rinnen und Aktio­nären der Firmen und alle anderen gehen leer aus. Womit bestreiten die dann ihren Lebens­un­ter­halt? Und wer soll dann noch das Geld haben, all die schönen Produkte aus Robo­ter­hand zu kaufen?

Das ist ein entschei­dender Punkt. Bisher hängt die Lohn­ent­wick­lung an der Produk­ti­vi­täts­ent­wick­lung und unsere Sozi­al­sys­teme hängen zu sehr an Beiträgen aus Lohn­ar­beit. In Zukunft müssen wir versu­chen, alle Formen der Wert­schöp­fung an der Finan­zie­rung des Gemein­we­sens zu betei­ligen, also auch Gewinne aus der Arbeit von Maschinen und Algo­rithmen, letzt­lich also Gewinne aus Kapital. Mir schwebt eine allge­meine Wert­schöp­fungs­steuer vor, aus der heraus wir dann ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen finan­zieren.

Ist ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen die Konse­quenz aus der Verbin­dung von Digi­ta­li­sie­rung und Demo­grafie? 

Ja. Und ich habe ein entspre­chendes Modell bereits entwi­ckelt. Ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen ist deswegen so ziel­füh­rend, weil es eben genau darauf verzichtet, irgend­welche sozio­öko­no­mi­schen Entwick­lungen zu prio­ri­sieren. Sprich: Es tut nicht so, als wüsste es, was wir in zehn oder zwanzig Jahren brau­chen. Es ist offen für alle Verän­de­rungen glei­cher­maßen. Berufs­felder und Lebens­weisen sind heute – ich sagte es bereits – so plural und ändern sich immer schneller, dass es klug wäre, keine Bedin­gungen an ein Grund­ein­kommen zu stellen.

„Wir sollten noch in diesem Jahr­zehnt ein bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen einführen“

Thomas Straub­haar

Ganz schön große Verän­de­rungen, die Sie da vorschlagen.

Das ist mir klar. Und diese Schritte sollten wir lieber heute als morgen tun. Denn es ist zu erwarten, dass eine insge­samt ältere Gesell­schaft mental anders drauf ist als eine junge: weniger risi­ko­freudig, weniger inno­vativ, weniger dyna­misch. Und die Älteren stellen einen immer größeren Anteil der Wähler. Mit jedem Tag, den wir warten, wird demnach eine Reform zugunsten der Kindes­kinder schwie­riger und eine gute Lösung für kommende Genera­tionen unwahr­schein­li­cher.

Kommt mir bekannt vor aus der poli­ti­schen Diskus­sion um den Klima­wandel.  

Aus der aktu­ellen Klima­dis­kus­sion und der Fridays-for-Future-Bewe­gung können wir für unser Thema in der Tat zwei­erlei lernen: Es zeigt sich, wie brutal schnell, Dinge in Fahrt kommen können, wenn eine Gesell­schaft still­steht, Probleme lange igno­riert werden und man nach­hal­tige Lösungen lieber auf künf­tige Genera­tionen abschieben will. Gleich­zeitig sehen wir aber auch, dass – wenn die Zeit dann halt drängt – die Forde­rungen solcher Bewe­gungen weit übers Ziel hinaus­schießen.

Im Falle von Fridays-for-Future sind das Ideen von unfassbar weit­ge­henden Eingriffen und Regu­lie­rungen, so dass sie Wirt­schaft, Effi­zienz und Arbeits­plätze bedrohen. Hätte sich die Gesell­schaft den ökolo­gi­schen Heraus­for­de­rungen früher gestellt und proaktiv gehan­delt, wäre das alles viel ruhiger und besser verlaufen. Fridays-for-Future müsste eigent­lich noch den Hinter­letzten in Deutsch­land die Augen dafür öffnen, dass wir die Proble­matik von Digi­ta­li­sie­rung und Demo­grafie nicht auf die lange Bank schieben dürfen. Sonst werden wir Konflikte und Bruch­li­nien bekommen, die dann so hekti­sche und unver­hält­nis­mä­ßige Maßnahmen nach sich ziehen, dass sie unseren Wohl­stand und das gesell­schaft­liche System insge­samt aufs Spiel setzen.

Die Lehre der Klima­be­we­gung für Politik und Unter­nehmen für den demo­gra­fi­schen Wandel lautet: Handelt proaktiv, positiv und früh­zeitig.

Hm, ich bin mir nicht sicher, ob ich den entschei­denden Akteuren das zutraue.

Ich auch nicht. Aber ich nehme an, dass der Hand­lungs­druck bis Ende der 2020er Jahre so groß sein wird, dass wir auf Lösungen wie das bedin­gungs­lose Grund­ein­kommen ohnehin nicht verzichten können. Besser wär’s trotzdem, wir würden uns heute schon damit befassen. Ihre erste Frage war ja: Wie schlimm wird es werden? Jetzt kriegen Sie meine Antwort: Es wird nicht schlimm, sondern groß­artig. Aber nur, wenn wir aus der Chance auch etwas machen. 

Zur Person

Thomas Straub­haar wurde 1957 in Untersee in der Schweiz geboren. Er ist Ökonom und Migra­ti­ons­for­scher und derzeit Professor für Inter­na­tio­nale Wirt­schafts­be­zie­hungen der Univer­sität Hamburg. Er ist Kolum­nist für Die Welt und Autor mehrerer Sach­bü­cher zu den Themen demo­gra­fi­scher Wandel, bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen und Digi­ta­li­sie­rung.


Foto­grafie: Tobias Gerber